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«Ich hatte überhaupt kein Gefühl für das Kind»

Von Sarah Hadorn

Miriam Müller* erfuhr erst im siebten Monat, dass sie schwanger war – sie hatte wie immer ihre Monatsblutungen, keinen dicken Bauch, keine anderen Anzeichen. Die alleinstehende junge Frau stand unter Schock. Schliesslich entschied sie sich, ihr Kind zur Adoption freizugeben. «Ich dachte, bevor ich das Kind behalte, weil ich es muss, gebe ich es lieber jemandem, der sich sehnlichst eines wünscht», erinnert sie sich. Doch am Ende kam es anders. PACH hat Miriam Müller auf ihrem Weg begleitet und unterstützt.

Heute Nachmittag sieht Miriam Müller (26) ihre kleine Tochter wieder. Endlich. Denn auch wenn sie ihr Kind jeden Tag, seit sie das Spital verlassen hat, bei der Übergangspflegefamilie besucht: Die Minuten ohne die Kleine sind lang, die Schmerzen im Unterleib spürbarer; Miriam Müller hatte nach der Geburt Probleme mit ihrer Plazenta und verlor zwei Liter Blut, worauf ein Eingriff folgte. Das war vor einem Monat. «Ich konnte weder essen noch auf die Toilette gehen», erinnert sich die junge Frau an die Zeit im Spital, «aber wenn ich die Kleine bei mir hatte, war alles gut.»

Wegen Müdigkeit beim Arzt

Mutterliebe – etwas, das sich Miriam Müller noch fünf Wochen vor der Geburt nicht hätte vorstellen können. Damals wusste sie noch nicht einmal, dass sie schwanger war: Die Monatsblutungen kamen wie immer unregelmässig und der Bauch war unverändert, vielleicht ganz leicht gewölbt. Der Appetit hatte sich nicht gesteigert und das Gewicht war höchstens um drei Kilo gestiegen, was Miriam Müller nicht weiter beachtete. Auch, als sie Wasser in den Beinen bekam, dachte sie sich nichts dabei: «Bei uns liegen Nierenleiden in der Familie, da gehört Wasser in den Beinen dazu.» Als sie jedoch ständig müde war und noch eine Bronchitis dazukam, liess sich Miriam Müller durchchecken, auch von der Frauenärztin. Diese diagnostizierte: schwanger im siebten Monat. «Ich war schockiert», sagt Miriam Müller. Und als ihr die Ärztin darlegte, das Kind sei ein gesundes Mädchen, das in ein paar Wochen zur Welt komme, war ihr, als würde die Frau nicht über sie sprechen. «Ich hatte überhaupt kein Gefühl für das Kind und dachte immer wieder: Das ist nicht meins.» Die alleinstehende junge Frau wusste nicht, was sie tun sollte. Für eine Abtreibung war es viel zu spät, und das Kind zu behalten, konnte sie sich nicht vorstellen. Miriam Müller versuchte zwar, sich schwanger zu fühlen und eine Bindung zum Wesen in ihrem Bauch herzustellen, doch es klappte nicht. Schliesslich entschied sie sich, es sei das Beste, ihr Kind zur Adoption freizugeben. «Ich dachte, bevor ich das Kind behalte, weil ich es muss, gebe ich es lieber jemandem, der sich sehnlichst eines wünscht.» So stellte der Sozialdienst des Spitals Kontakt zu PACH, Pflege- und Adoptivkinder Schweiz, her.

Druck wegnehmen

Das erste Beratungsgespräch zwischen Miriam Müller und PACH-Fachmitarbeiterin Manuela Schön fand schnell statt, denn die Zeit drängte. In erster Linie versuchte die Sozialarbeiterin Miriam Müller aufzuzeigen, welche Alternativen es zu Adoption gibt – familiäre Unterstützung, Tages- oder Pflegeeltern zum Beispiel. Manuela Schön informierte Miriam Müller aber auch über den Adoptionsprozess, darüber, dass PACH die Behörden in Kenntnis setzen und in Zusammenarbeit mit ihnen alles für sie organisieren würde – die Geburt, eine speziell ausgebildete Übergangspflegefamilie für die erste Zeit, alles Weitere. Gleichzeitig betonte sie immer wieder, dass sich die junge Frau jederzeit anders entscheiden könne: «Es passiert häufig, dass Frauen nach der Geburt doch eine Bindung zu ihrem Kind entwickeln.» Deshalb gibt es nach der Geburt auch eine gesetzliche Sperrfrist von mindestens zwölf Wochen, bis die Adoptionsfreigabe definitiv feststeht. Manuela Schön: «Wir versuchen, Druck von den werdenden Müttern zu nehmen, und unterstützen sie vor, während und nach der Geburt.»

Ständig bei der Kleinen

Für Miriam Müller stand die Entscheidung nach dem Gespräch weiterhin ausser Frage. Doch es kam anders: Gleich nach der Geburt wollte sie ihre Tochter sehen. Nur kurz, eine Nacht vielleicht. Und je näher der Termin rückte, an dem die Übergangspflegemutter zum Kennenlernen ins Spital kommen sollte, desto eifersüchtiger und verletzter fühlte sie sich. Als die Kleine einen Infekt bekam und auf die Neonatologie musste, war Miriam Müller ständig an ihrem Bettchen. «Es war die Hölle für mich, dass das Kind so etwas durchmachen musste, auch wenn es wohl gar nicht so schlimm war.» Trotzdem ertappte sich Miriam Müller bei dem Wunsch, die Kleine würde zwar gesünder werden, aber noch etwas länger im Spital bleiben müssen und nicht so bald zu den Pflegeeltern können. Während der ganzen Zeit stand Miriam Müller in Kontakt mit PACH-Mitarbeiterin Manuela Schön, die regelmässig betonte, Miriam solle sich Zeit für ihre Entscheidung nehmen und sich keinen Kopf um organisatorische Konsequenzen machen. Schliesslich war klar: Miriam Müller wollte ihr Kind behalten. «Irgendwie schaffe ich das», spürte die junge Frau plötzlich. Dennoch entschloss sie sich, das Baby vorerst wie geplant zur Übergangspflegefamilie zu geben. So hatte sie Zeit, alle Behördengänge zu machen, sich ein wenig zu erholen und das Kinderzimmer einzurichten.

Teilzeitjob und Tagesmutter

Heute kann Miriam Müller ihre Tochter bald zu sich nehmen. Sie besucht sie jeden Tag bei der Übergangspflegefamilie, steht in Kontakt mit der Sozialberatung für finanzielle Unterstützung und hat ihre Familie informiert, die die ganze Zeit nichts wusste. «Meine Schwester hat sich bereit erklärt, tageweise auf die Kleine zu schauen», sagt Miriam Müller. Und auch sonst hat sich vieles ergeben: ein passender Teilzeitjob, eine Tagesmutter, Freunde, die sich freuen. Immer noch in Kontakt ist Miriam Müller mit Manuela Schön. «Ohne sie hätte ich das nicht geschafft», sagt die junge Frau. «Sie hat mich unterstützt und motiviert, mir von anderen Fällen berichtet und Lösungen aufgezeigt. Und die ganze Zeit über hatte ich nie das Gefühl, sie mache bloss ihren Job.»

* Name von der Redaktion geändert.